Gegenwärtige Defizite in der unbewirtschafteten Natur und in der bewirtschafteten Landschaft

Die derzeitige Degradierung der Natur und der bewirtschafteten Landschaft konnte mit der sektoriellen Wissenschaft (Teilgebiete der Naturwissenschaft, Technik, Gesellschaftswissenschaften) und dem Ausbau der rechtlichen und administrativen Regelwerke zum Umweltschutz nicht verhindert werden, sondern wurde im Gegenteil dadurch großenteils noch verstärkt. So wurden weder der drastischen Verringerung der Vegetation, die eine maßgebliche Funktion für die Intaktheit des Wasserkreislaufs auf den Kontinenten hat, wirksam begegnet, noch die ausgelaugten Böden wieder mit organischer Substanz, Nähr- und Mineralstoffen angereichert (Recycling der pflanzennotwendigen Nutzstoffe) und so zu wertvollen Wasser- und Mineralstoffspeichern in der Landschaft entwickelt. Auch der übermäßigen Nutzung nicht wiedererneuerbarer Ressourcen und dem Prozeß der Versteppung und Verwüstung wurde nicht wesentlich entgegengewirkt.

Unsere Natur und Landschaft funktionieren derzeit nicht nachhaltig. Durch die Bewirtschaftung des Menschen wurden die Stoffkreisläufe weiträumig geöffnet und der Landschaftswasserhaushalt destabilisiert. Die Degradation der Landschaft spiegelt sich in den eutrophierten und destrukturierten Gewässern wieder.

Den bisher in ihren Ergebnissen sich teilweise widersprechenden oder ausschließenden Ansätzen zur Nachhaltigkeit fehlt vielfach der Systemansatz (raum-zeitliche Betrachtung und Betrachtung der Schnittstellen zwischen den Kompartimenten). Ein solcher Systemansatz muß aber für alle ökosystemaren Prozesse von den treibenden energetischen Potentialen und den durch sie ausgelösten Stoffflüssen ausgehen. Dem Wasser kommt dabei die zentrale, verbindende Funktion zu (Ripl & Wolter 2001).

Die richtungssichere Sanierung der Landschaft und Wiederherstellung der Systemfunktion, d.h. die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes und der Naturprozesse in jeder Bewirtschaftungszelle sind eine unabdingbare Grundlage für die Zukunftsfähigkeit der menschlichen Gesellschaft. Noch immer sind

  • Zusammensetzung und Verteilung der Atmosphäre,
  • Klima und Temperaturregelung über den Wasserhaushalt,
  • die Kühlfunktion der Vegetationsdecke und
  • die Bodenfruchtbarkeit als Grundlage für unsere Ernährung

unverzichtbare Leistungen des Naturhaushaltes für die menschliche Gesellschaft.

Für eine nachhaltige Entwicklung scheint in Zukunft ein Paradigmenwechsel in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ansätzen zwingend erforderlich. Dazu halten wir die Systemtheorie der Natur als Leitwissenschaft für vordringlich. Auf ihrer Grundlage kann eine neuartige, funktional definierte Integration technischer Strukturen in die Natur vorbereitet werden, die durch Optimierung der Schnittstellen zugleich eine Steigerung des Systemwirkungsgrades leistet. Der ökologische Systemwirkungsgrad kann mit dem Anteil der irreversiblen stofflichen Verluste an den stofflichen Umsätzen eines Ökosystems und mit dem Ausmaß der Temperaturdämpfung durch den dissipativen Wasserkreislauf (insbesondere Verdunstung - Kondensation) ausgedrückt werden. Untersuchungen in größeren Einzugsgebieten zeigen stark erhöhte Stoffflüsse und Transporte in die Meere mit allen negativen Folgen der Eutrophierung von Seen, Flüssen und Küstengewässern. Dabei werden etwa 1.000 kg/ha/a pflanzennotwendigen Nähr- und Mineralstoffen aus der gesamten Fläche der Bundesrepublik ausgetragen, während ihr Eintrag durch Düngung und Immissionen weit geringer ist. Nachhaltig geschädigte Standorte mit zu geringen Mineralstoffgehalt nehmen rasch zu, versauern tiefgründig und führen auf den mit geringeren Basenvorräten ausgestatteten Kuppen der Mittelgebirge zu zunehmenden Ausfällen in der Waldvegetation.

   
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