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C. Gebietsbeschreibung

C.1. Lage und naturräumliche Eigenschaften

C.1.1. Lage und Flächennutzung


Die Stör entspringt bei Willingrade südöstlich von Neumünster in Schleswig-Holstein. Sie durch­fließt die Hohe Geest im Gebiet Neumünster und mündet unterhalb von Ham­burg in das Elbe­ästuar. Unter­sucht wurde das nicht mehr vom Tidewasser beein­flußte Einzugsge­biet bis Kelling­husen (ca. 1150 km2). Das langjährige Niederschlagsmittel im Einzugsgebiet beträgt 750 - 800 mm im Jahr (Keller 1978), im Untersuchungszeitraum weichen die Niederschlagsmengen hiervon ab (Kap. F.2.1.1). Die mittlere Jahrestemperatur liegt bei 8,3°C.

Die Flächennutzung im Gesamteinzugsgebiet (vgl. Karte Flächennutzung) verteilt sich folgenderma­ßen (Abb. 23):

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Abb. 23: Flächennutzung im Gesamteinzugsgebiet (in Prozent)


C.1.2. Geologie und Böden

Der untersuchte Bereich des Stör-Einzugsgebietes besteht geologisch überwiegend aus Schmelzwassersanden des Weichselglazials, die teilweise Sande des Saaleglazials überlagern. Sie nehmen weite Teile der Störniederung und ihrer Zuflüsse ein und bilden die Niedere Geest. Der Nordosten des Einzugsgebietes besteht aus mergeligen weichselzeitlichen Moränen, die naturräumlich zum Östlichen Hügelland gehören. Ansonsten werden die Niederungen von fla­chen, saalezeitlichen Moränenrücken durchragt, z.B. des Segeberger Forstes im Osten. Sie sind Teile der Hohen Geest.

Die Bodenformen des Gebietes der Stör wurden seitens J. Finnern, soweit keine Bodenkarten vorlagen, kartiert. Das Bodenmuster wurde als Bodenkarte im Maßstab von 1 : 100 000 darge­stellt (Bodenkarte, Anhang 2). Es folgt eine kurze Beschreibung der vorherrschenden Böden.


C.1.2.1. Böden der Jungmoränenausläufer

Das Östliche Hügelland besteht vorrangig aus Sedimenten des Weichselglazials mit gla­zifluviatilen Ab­lagerungen, Beckenablagerungen und Geschiebemergel der Grund­moräne. Der unveränderte Geschie­bemergel ist durch geringe Gehalte an Metallsulfi­den schwarz­grau gefärbt. Sulfidoxidation ließ ihn 3 bis 6 m tief verbraunen. Die Pro­zesse der Entkalkung, Verbraunung, Verlehmung und Tonverlagerung lie­ßen aus dem Ge­schiebemergel der flach­welligen Grundmo­räne allmählich Parabraunerden mit ei­ner Entkalkungstiefe von 0.8 bis 2 m entstehen. Die san­diglehmigen Eluvialhorizonte sind 40-60 cm mäch­tig. Diese und die folgenden lehmigen Tonan­reicherungshorizonte sind unter einer naturnahen Waldbestoc­kung stark versauert (pH-Werte 3.5-4.5). Die Tie­fenlagen der Entkalkung und Tonverlage­rung nehmen von Westen nach Osten ab. Zu­grunde liegt dem, daß die Moränen im Westen um 5000 bis 7000 Jahre älter sind und von vornherein sandiger und kalkärmer waren. Hinzu kommt eine Abnahme der Nie­derschläge und damit der Versickerungsraten von West nach Ost. Der infolge star­ken Eisdrucks dichte Geschie­bemergel bewirkte ebenso wie die Tonanreicherung einen Wasserstau, so daß viele Pa­rabraunerden in ebener bis flacher Mul­denlage pseudover­gleyt sind.

Kuppige Endmoränen sind sandiger und weisen tiefgründig entkalkte Braunerden auf, ebenso wie die sandigen Kameszüge. Manche sind podsoliert, besonders unter Fichtenfor­sten, manche besitzen im zweiten Meter dünne Tonbänder als Ergebnis ei­ner Tonverlage­rung.

Die meist sandigen Senken sind von Grundwasserböden beherrscht. Gleye, An­moorgleye und Nieder­moore sind vertreten. Teilweise sind sie mit Wiesenkalk ange­reichert.

Die Mehrzahl der ackerbaulich genutzten lehmigen Parabraunerden und sandigen Brauner­den ist mehr oder weniger stark erodiert. Viele Unterhänge und Senken wei­sen daher Kol­luvien auf. Kleine ver­moorte Senken sind häufig erst durch ihre mehr oder weniger mäch­tige Bedeckung mit Kolluvien acker­fähig geworden. Die landwirt­schaftlich genutzten Böden sind durch Erhaltungskal­kung und Düngung mit Nährstof­fen angereichert und weisen dem­zufolge noch pH-Werte zwi­schen 6 und 7 auf.

Mit der Verkoppelung der Ackerflächen im 18.Jh. wurden Wallhecken, sogenannte Knicks, ange­legt. Die unter den oft tiefgründig humosen Wällen begrabenen Böden stellen wichtige Zeugen mittelalterli­cher Ackernutzung dar.


C.1.2.2. Böden der Niederen Geest

Im Bereich der Niederen Geest dominieren nährstoffarme, sandige Böden mit hohen Grundwasserstän­den. Die vorherrschenden Sandersande des Weichselglazials sind ex­trem ton­arm (< 2%), tiefgründig entkalkt und entbast. Entkalkung und Entbasung er­folgten oft bereits im Spätglazial, begünstigt durch ehemals tiefere Grundwasser­stände. Mit dem An­stieg des Meeres­spiegels im Holozän vernäßten die Niederungen und es entstanden extrem versauerte Gley-Pod­sole und Podsol-Gleye (pH-Werte zum Teil unter 3). Die mit Humus an­gereicherten und oft zu Ortstein verfestigten Unter­böden der Gley-Podsole enthalten auch Eisenoxide, nicht hingegen die etwas tie­fer gelegenen Podsol-Gleye. Deren ausgewa­schenes Eisen und Mangan wurde teil­weise in typischen Gleyen angereichert, und zwar vor allem par­allel zu Bachläufen. Der Ra­seneisenstein dieser Gleye wurde bis in die 40er Jahre dieses Jahrhunderts verhüttet. In den 60er Jahren wurden die Reste des Rasenei­sensteins zusammen mit Ortsteinhorizon­ten der Gley-Podsole im Zuge der Flurbereinigung durch Tiefenum­bruch gebrochen und damit zerstört. Weitere Senken der Niederen Geest sind ver­moort, teils als Hoch- oder Nie­dermoore, stellen­weise auch als Mudden. Dabei wa­ren wurzelechte und auf Nieder­moortorfen aufgewachsene Hochmoore stark ver­treten. Seit dem letzten Jahrhundert wurden die Moore entwässert und kulti­viert, so daß heute intakte Hochmoore praktisch nicht mehr existieren.

Im Ostteil der Niederen Geest wurden die Schmelzwassersande in geringer Mächtig­keit (0.5 bis 1 m) von Geschiebesand überdeckt. Auch hier haben sich Braunerde-Podsole bis Gley-Podsole entwickelt. Sanderlandschaften werden von einzelnen fla­chen saale­zeitlichen Moränenrücken mit unterschiedlich stark podsolierten Braunerden und tief­gründig lessivier­ten Parabraunerden durch­ragt. Die hohen Grundwasserstände der Nie­deren Geest er­schwerten die menschliche Besied­lung. Ortschaften entstanden daher vornehmlich auf den flachen Moränenrücken, den Holmen. Für sie sind z.T. graue, braune und graubraune Plag­genesche als Zeugnis starken menschli­chen Ein­flusses cha­rakteristisch. Heute sind na­hezu alle Böden der Niederen Geest unter inten­siver land­wirtschaftlicher Nutzung: Die Moore und Pod­sol-Gleye unter Grünland, Braunerde-Pod­sol und Plaggenesche unter Ackerbau. Durch regelmäßige Kalkung und Düngung sind die Böden mit Nährstoffen angereichert und weisen pH-Werte zwischen 4 (Moore) bis 5.5 (Podsol-Brauner­den) auf. Die sandigen Böden erfordern in troc­kenen Sommern eine Zusatzberegnung.


C.1.2.3. Böden der Hohen Geest

Auch auf den saalezeitlichen Moränen der Hohen Geest haben sich Parabraunerden entwic­kelt. Deren tonverarmte Oberböden sind mächtiger als im östlichen Hügelland, da sie zum Teil bereits im Eem-In­terglazial lessivierten und im Weichselglazial durch Flugsandüberdec­kung und Kryotur­bation Geschie­bedecksande entstanden. Aus den gleichen Gründen sind sie auch tiefgründiger entkalkt (oft mehrere Meter) und viel­fach podsoliert. Sie sind mit Podsolen aus Flugsanddecken vergesellschaftet, während Täler mit hohen Grundwasser­ständen nährstoffarme Podsol-Gleye und Moore aufwei­sen.


C.1.3. Vegetation

Auf den nährstoffarmen und meist podsolierten Böden der Niederen und Hohen Geest hat der Buchen-Eichenwald den größten Anteil an den ursprünglichen Waldgesellschaften. Al­lerdings ist ein großer Anteil der möglichen Standorte in Nadelholzforste überführt oder wird landwirtschaft­lich genutzt. Die Baumschicht setzt sich mit wechselnden Deckungsan­teilen an Fagus sylvatica, Quercus robur und Q. petraea zusammen; nur in Einzelfällen er­reicht auch Sorbus aucuparia die Baumschicht. Die Artenzu­sammensetzung der Strauch­schicht bleibt bis auf die sich verjüngen­den Baumarten auf Sorbus aucupa­ria, Frangula al­nus und Ilex aquifolium beschränkt.

Im Verbreitungsgebiet des Birken-Eichenwaldes wird ein Großteil der möglichen und pro­duktionsschwachen Standorte heute von Kiefernforsten eingenommen. Standorte des Bir­ken-Eichen­waldes sind Dünen und Flugsanddecken mit Regosolen sowie Podsole mit mächtigen Ort­erde- oder Ortsteinhorizonten. Der Charakter dieser Wälder, die großflächig von der trockenen Variante des Buchen-Eichenwaldes durchsetzt sind, wird im wesentli­chen von der in der Baum­schicht vorherrschen­den Stieleiche bestimmt, der einige Exem­plare der Sandbirke beigemischt sein können. In Senken im Binnendünenbereich, auf abge­torften Hochmooren und Podsol-Gleyen ist der Pfeiffengras-Birken-Ei­chenwald verbreitet. In seiner Baumschicht tritt Betula pube­scens als Feuchtezeiger auf. In der Kraut­schicht sind besonders die Horste von Molinia caerulea auffallend.

Lebende Hochmoore mit andauernder Torfbildung sind in Schleswig-Holstein nur noch in Resten vor­handen. Mit den bereits im vorletzten Jahrhundert begonnenen intensiven Ent­wässerungs- und Abtor­fungsarbeiten haben diese ihren natürlichen Charakter eingebüßt und ihre standörtli­chen Bedingungen wurden irreversibel verändert. In den wasserführen­den - und daher als Wuch­sort für die Moorbirke zu nassen - Torfstichen findet sich als ak­tuelle Vegetation eine Wollgras-Gesellschaft. Großflächig abge­torfte, stark entwässerte und gesackte Hochmoorkörper werden von einem Birkenbruchwald einge­nommen. Im Unterholz treten als stetige Sträucher Sorbus aucuparia und Frangula alnus, vereinzelt auch Salix au­rita auf.

Auf grundwasserbeeinflußten Standorten können Gley-, Anmoorgley- und Nie­dermoorbereiche kleinflächig assoziiert sein. In Abhängigkeit vom Bodenwasser­haushalt und Bodentyp sind daher Alnus glutinosa-Gesellschaften und Fraxino-Alneten mo­saikartig verzahnt. Auf Mooren mit Höchstwasserstand im Flurniveau dominiert die Erle. Auf Gleystandorten mit etwas höherem Flu­rabstand des Grundwassers tritt die Esche stär­ker in Erscheinung und ein Erlen-Eschenwald kann sich entwickeln.


C.2. Historische Entwicklung des Gebietswasserhaushaltes

C.2.1. Einleitung

Bei der ungestörten Entwicklung eines Ökosystems werden die Wasser- und Stoff­kreisläufe im­mer kurzgeschlossener. Dabei nimmt seine Nachhaltig­keit, gemessen als Verhältnis von Stoffum­satz zu Stoff­verlusten, im­mer mehr zu (Kap. B). Charakteristisch für diese Ent­wicklung ist eine Abnahme der Dynamik im Bodenwasserhaushalt: Bei immer rascherer und klein­räumigerer Wasser­zirkulation werden wechselfeuchte Phasen des Bodens zugunsten dauerfeuchter Phasen seltener. Die Stofffreiset­zung und -verlage­rung mit dem Wasserfluß in tiefere Boden­schichten bzw. in die Fließgewässer wird verrin­gert und statt dessen zunehmend als stoffver­lustarmer Kreisprozeß über die Zönosen betrieben.

Anthrophogene Eingriffe in den Wasserhaushalt der Landschaft haben de­ren nachhal­tige Funktions­weise immer mehr herabgesetzt. Die irreversiblen Verluste betra­gen für das Ein­zugsgebiet der Stör heute etwa 1t Salze/ha/a (das entspricht ca. 20 kmol Proto­nen/ha/a). Der Anteil basischer Kationen, wie z.B. Calcium, Magnesium oder Ka­lium, liegt bei knapp 30%. Die Aus­träge sind erheblich größer als die Einträge über Düngung und Nieder­schlag. Bei begrenztem Stoffvorrat im pflan­zendurchwurzelbaren Oberboden sinkt da­durch die Nutzungszeit­spanne der Landschaft durch den Menschen nichtlinear. Noch steht genügend bezahlbare Fremd­energie (z.B. fossile Energieträger) für die Düngung bzw. Pufferung der Böden zur Verfügung, so daß der Verlustprozeß derzeit nur an einzelnen Orten, z.B. als Wald­sterben, sicht­bar wird. Doch wird bei fortlau­fenden Austrägen der Anteil an Basen im pflanzendurchwurzelbaren Oberboden im Ver­gleich zu den schwerer löslichen, nicht pflanzennutzbaren, z.T. sogar giftigen Stoffen (z.B. Quarz­sand, Schwermetalle) immer geringer (Kap. F.1.1.6), der finanzielle Aufwand zum Ausgleich der Stoff­verluste im­mer höher.

Die zunehmende Öffnung der Stoffkreisläufe durch anthropogene Eingriffe in den Landschaftswas­serhaushalt soll im fol­genden für das Einzugsgebiet der Stör nach­vollzogen wer­den.


C.2.2. Historische Entwicklung des Wasserhaushaltes im Einzugsgebiet der Stör

An­satzpunkte über die hi­storische Entwicklung des Gebietswasserhaushaltes lassen sich dabei aus alten Kar­ten (vgl. Abb. Anhang 2, C.2.2), Gebietsbeschreibungen, Flurna­men, Beschrei­bungen über die Entwicklung der Lebensumstände und Le­bensweisen der Men­schen sowie über die allge­meine Entwicklung der technischen Möglichkei­ten ableiten. So zeigt z.B. ein Vergleich der "Topographisch Militärischen Charte des Herzogtums Holst­eins" (1789-1796) mit der heutigen Nutzung deutlich, daß der Waldanteil zwar geringer und der Heide­anteil höher, der Anteil von Retentionsstrukturen, wie z.B. Mooren, jedoch er­heblich höher gewesen war. Die damals ausge­prägtere Mäandrierung der Gewässer deu­tet außerdem auf eine gegenüber heute stärker herab­gesetzte Abflußge­schwindigkeit hin.

Beschreibungen der Naturgeschichte Holsteins, wie sie Schröder & Bier­natzki (1855) liefern, lassen auf einen wesentlich höheren Waldanteil im 13. und 14. Jh. rückschließen. Zum Zeitpunkt der Erstel­lung des Buches 1855 dagegen muß der Se­geberger Staats­forst Heide gewesen sein. Auf einem Teil der "Segeberger Haide", zu dem der Segeberger Staatsforst ge­hört, befand sich noch im 14. Jahrhun­dert ein Wald, der Urwald genannt wurde. Anschaulich beschreiben dies Schröder & Biernatzki (1855:27) wie folgt:

"Außerdem wirkte bedeutend auf die Beschaffenheit, namentlich die Mitte des Lan­des, die über­trieben starke Entwaldung, wel­che die Zeit vorge­schrittener Culturent­wicklung mit sich brachte. Es waren ehemals fast alle Haiden des Landes, alles hü­gelige Terrain der Westseite, selbst gegenwär­tig mit Flugsand bedeckte Strecken so gut wie der Osten des Landes mit dichten Waldun­gen bedeckt. [...] Noch vor 200 Jahren waren nachweislich die jetzt fast mit Flugsand be­deckten Blankeneserberge mit dichten Wal­dungen bedeckt und das ganze Amt Reinbek durch­zog noch im 13. Jahr­hundert von einem Ende bis zum andern die große aus Eichen und Buchen bestehende Waldung Asbrok. Auf einem Theil der jetzigen Segeberger Haide stand noch im 14. Jahrhun­dert eine große Waldung, der Urwohld genannt, und von Lütjenburg bis Schleswig er­streckte sich einst die unge­heure Waldung Isarnho. Die zu rasche Zerstö­rung dieser Wäldermas­sen legte der Verheerung der Westwinde die Mitte des Landes schutzlos blos; die entwaldeten Strecken waren viel zu bedeutend, um damals alle ange­baut zu werden und bedeckten sich rasch mit Haide und Flugsand; das Klima wurde rauher und die Physiognomie des Landes wurde ohne Zweifel unwirthlicher, wie sie es gewesen war."

Verschiedene Entwicklungen waren für die Entwaldung entscheidend. Ein erster Schub ist schon in der frühen Eisenzeit festzu­stellen, da für die Ei­sengewinnung aus Raseneisenerz ein großer Holzbedarf be­stand. Wie Rei­mer (1978:19) in seinem Buch über die Geschichte des Aukrugs schreibt, befand sich in dem Gebiet zwischen Neu­münster und Jevenstedt in der frühen Eisenzeit das Eisenhüttenzentrum Hol­steins. Das Holz hierzu lieferte die Ilohheide, die "erst nach diesem Riesenverbrauch vollständig entwal­det und der Heide anheimgefallen ist". Stange (1971:248) schreibt zum Einfluß des Menschen in der vor- und frühgeschichtlichen Zeit:

"Wenn in der vor- und frühgeschichtlichen Zeit dem Menschen bereits grö­ßere wald­vernichtende Wirkung zugeschrieben werden kann, so erstreckt sie sich hauptsächlich auf die beiden Geest­zonen. Viehverbiß - vor allem in der Bronzezeit - und Eisenverhüt­tung der Eisenzeit haben auf dem Mittel­rücken auch deshalb ein größeres Vordringen der im Unterholz bereits vor­handenen Heide erlaubt, da die zunehmende Degradierung der Geestböden eine schnelle Wiederbewal­dung wie auf den kalkreichen Böden des Östli­chen Hügellandes erschwerte."

Ab Mitte des 12.Jh.s nahmen die ansteigenden Lebensbedürfnisse und ein erhöhter Bedarf an landwirtschaftlicher Fläche zur Ernährung der Bevölke­rung Einfluß auf die Entwaldung (Reimer 1978:22). Auch dürften der Schiffbau der Hanse und die vielen Kriege im 17.Jh. nicht unerheb­lich zur Entwaldung Schleswig-Holsteins beigetragen haben. Stange (1971:248-251) beschreibt zum Einfluß der Landwirtschaft und des Schiffbaus:

"Zweifellos hat die direkte Erweiterung der Ackerflächen durch Rodung den größten Anteil an der Waldvernichtung. [...] Während im Bereich der Güter die Wälder teil­weise bewußt erhalten wur­den [...], vernichteten die Bauern den Wald oft völlig (Probstei, Fehmarn). Waldweide und Schweinemast ha­ben entsprechend ihrer großen Bedeutung in der damaligen Landwirtschaft einen starken Anteil an der Degradierung der Wälder. [...] Der Bedarf des Bauernhofes an Holz für Brennholz, Bauholz und Zaunholz hat überall gleichbedeutende Mengen verschlungen. Als der schwindende Wald nicht mehr den Brennholzbedarf decken konnte, griff man auf die Torf­moore zu­rück [...].

Im Gegensatz zu einigen deutschen Mittelgebirgslandschaften [...], hatte die Rasenei­senerzverhüttung nur in frühgeschichticher Zeit im Lande Schleswig-Holstein eine Rolle gespielt und zur Waldvernichtung beigetra­gen. Hingegen erreichte die Köhlerei im ganzen Land große Bedeutung beson­ders im Östli­chen Hü­gelland, da sich die hier vorherr­schende Buche gut zur Köhlerei eignete. Die im 16. und 17. Jh. aufkommende Glasindustrie war ebenfalls hauptsächlich auf das Östliche Hügelland beschränkt. Der Holz­verbrauch war sehr groß, da einer der benö­tigten Rohstoffe, Pottasche, erst aus Buchen­asche gewonnen werden mußte und die Brennöfen natür­lich auch mit Holzkohle be­schickt wurden. [...] Auf Grund der hohen Holz­preise und des Holzmangels gingen die meisten Glashütten schon im 18. Jahr­hundert wieder ein. [...] Die reiche Ausstattung mit Häfen an West- und Ostküste und die von der Nordseekü­ste her das Land er­schließenden Flüsse Ei­der, Stör, Wiedau u.a. förderten frühzeitig den Holzexport, so daß Schleswig-Holstein zum wich­tigsten Lieferland für Schiffsholz (Eichen) nach Holland und England wurde. Das Fehlen einer geregelten Forstwirt­schaft führte zum Holzraubbau, zur Waldverwü­stung."

Einen weiteren Hinweis auf den früheren Zustand einzelner Feldmarken ge­ben die Flurnamen. Die Flur­namen Neumünsters und seiner Umgebung sind z.B. von Prien (1929) in der Karte der Flur­namen von Neumünster und Um­gebung festgehalten wor­den. Nach Reimer (1978:22) lassen sich die Flur­namen in vier Gruppen einteilen, "nämlich solche, die auf Wasser, Wald, Heide und altes Kulturland hindeu­ten. Auf Wasser deuten hin: Segn, Soll, Saal, Siek, Sichten, vi oder veh, Born, Furt, forth, Weddel, Hue, Pott, Diek, Rönne; auf altes Ackerland: Esch, Kamp, Rüm, Lann, Feld, Stücken, Spann, Koppel, auf Wiesen: Mede (mitbek, Meewisch). Für Heide kommt dies Wort und auch Viert in Be­tracht. Die größte Menge unserer Flurnamen weist auf Be- oder Ent­waldung hin. [...] Auf Waldbestand deuten hin: Wohld, Hölln, Holln, Holt, Hagen, Loh, Horst, Hesel, Heise, Struck, Busch, Staf, Bast, Brok, Raa, Ratjen, Rehm, Stubben, Kölln, Kahln, Kohlstä, Ek, Bök, Barken, Eller, Weten, Wetjen, Dorn, Dör, Hassel u.a.".

Interessant ist der folgende Hinweis des Autors: "Eine Betrachtung der Flurnamen er­gibt dem­nach, daß der Aukrug einst bedeutend mehr Wasser und Wald zeigte als heute. Urbares Land war nur in geringer Menge vor­handen" (Reimer 1978:22).

Der nicht wesentlich gestiegene Waldanteil (8,6%) wird von Stange (1971:247f) auf die Ungunst der natürlichen geographischen Faktoren (starke, häufige Westwinde; Niederschlagsminima in den Monaten April, Mai; Nachtfrostgefahr durch mangelnde Boden­wärme; Fehlen von Nadel­bäumen aufgrund der milden Winter) zurückgeführt. Er räumt allerdings ein:

"Die ungünstigen Bedingungen reichen aber doch nicht aus, um die starke Entwaldung des Lan­des zu erklären. Wenn man heute stärkere Waldbildung zur Milderung der klimatischen und bo­dengeographischen Schäden an­strebt, dann muß aber auch der um­gekehrte Schluß richtig sein: solange der Wald reichlich vorhanden war, konnte er sich auch in dem von ihm selbst geschaffe­nen Schutz, in seinem Kleinklima, natürlich regenerieren."

Die Aufhebung der Feldgemeinschaften, für die Schleswig und der königli­che Teil von Holstein zwi­schen 1758 und 1771 feste Grund­sätze und Re­geln erhielten, führte ab 1724 zu einer starken Zu­nahme des Ackerlandes und der Koppeln, wobei die Kop­peln aus Heide, Wald und Bruch ge­wonnen wurden (Reimer 1978:108,109). Die er­sten Bestrebungen, der Entwaldung und Verhei­dung entge­genzutreten, entstehen um 1870 und äußern sich z.B. in der Gründung des "Ersten schleswig-holstei­nischen Waldverbandes" am 25.März 1875 (Reimer 1978:151). Das Statut galt für die Dörfer Hom­feld, Innien, Bargfeld, Bünzen, Sarlhusen, Wiedenborstel, Meezen und Henn­stedt.

Eine großräumige Entwässerung der Landschaft vor Mitte des 19.Jh. schei­terte u.a. an den enormen Kosten und den unzureichenden technischen Möglichkeiten. Reimer (1978:155,156) beschreibt den Ausbau der Bünzau: "Durch den Aukrug fließt die Bünzau. [...] Das Aubett ist nur schmal, und dabei flos­sen die Auen und Bäche in vielen Krümmun­gen dahin, wie das bei Auen mit gerin­gem Gefälle immer der Fall war. Schon vor 1800 waren zwi­schen Böken und Bünzen Be­gradigungen vorgenommen worden, um schnelleren Wasser­abfluß zu schaffen. Pa­stor Domeier in Nortorf berichtet in den Provin­zial-Berichten 1790, daß die Bünzau sehr oft ihre Ufer über­steigt und das Wiesental in einen See verwandelte, [...]"

Am 27.1.1882 wurde dann die Bildung der "Bünzau-Entwässerungs-Ge­nossenschaft" be­schlossen, die den Lauf auf etwa 1/3 verkürzen sollte. Die Regulie­rung konnte in der Folgezeit die Überschwem­mungen nicht ganz verhindern, da 1908 und 1920 die Buckener Au und die Fuhlenau reguliert wurden und das Wasser wieder schneller floß. 1933/34 wurde so durch den Arbeitsdienst die Bünzau auf 11m ver­breitert, was immer noch keine völlige Abhilfe schaffte (Reimer 1978:156).

Die Möglichkeiten zur Drainage feuchter Senken wurde erst mit der Erfin­dung der Zylinderröh­renpresse durch den Engländer Whitehead 1845-48 ge­schaffen (Leister 1953:184,185). Die Kosten für die Ver­fahren, die vorher genutzt wurden, waren nach Leister so hoch, daß diese sich nur reiche Gutsbesitzer leisten konnten. "Erst durch die Röhrendrainage entstanden so jene sau­beren, zusam­menhängenden, flächigen Koppeln, die heute der Landschaft im Osten Schleswig-Holsteins ihr Gepräge geben" (Leister 1953:185). Diese Beschreibung ist bezüglich der Ent­wicklung des Drainagen­einsatzes und der damit einhergehenden Nivellierung der Land­schaft sicher­lich auch auf das Störgebiet übertragbar. Die klein­räumige geomorphologische Aus­formung der Landschaft mit Hügeln und feuchten Senken wurde an die großräumige Ausformung ange­paßt. Damit wurden die kleinräumigen Retentionsbereiche zerstört. Der Prozeß der Auswa­schung von Basen und Nährstoffen aus der Landschaft in die Fließgewäs­ser wurde wesentlich beschleu­nigt.


Zusammenfassung

Die beschriebene Landschaftsgeschichte läßt den Schluß zu, daß das Ge­biet der Stör zwar schon früh­zeitig im 15./16.Jh. zu einem großen Teil entwaldet gewesen sein muß, die großflächi­gere Entwässerung aber erst zu Beginn des 18.Jhs., besonders mit der Aufhebung der Feld­gemeinschaft, einsetzte. Die Überschwem­mungen der Bünzau die­ser Zeit hängen eng mit der Entwaldung zusammen. Wenn der Boden den "Bewirtschafter des Boden­wassers", den Wald, verliert, kommt es zu einem erhöhten bzw. schnelle­ren Abfluß der Niederschläge (meßbar als hö­herer Abflußbeiwert). Diese eher oberflächlichen bzw. oberflächennahen Abflüsse führten zwar in eini­gen Berei­chen zur Erosion, das erodierte Material wurde aber weiter unter­halb abgelagert (Selbststrukturierungsprozeß der Landschaft, Kap. B.3). So kann dieser Prozeß in er­ster Linie als ein Verlagerungsprozeß in der Land­schaft betrachtet werden. Erst durch die Entwäs­serung, die zu den hohen Austrägen gelöster Basenstoffe mit Schichtenwas­serabfluß führte, wurde daraus ein irreversibler Verlustprozeß in Richtung der glo­balen Senke Meer. Die Entwässerung brachte es außerdem mit sich, daß die Land­schaft geo­morphologisch nivelliert wurde. Mit dem zuneh­menden Wegfall der natürli­chen Stoff­senken in den Niederungen wurden die Akkumulationszo­nen im­mer weiter in Richtung Gewässer verschoben. Mit der Ab­senkung des Bodenwasserspie­gels wurde der Wasserhaus­halt und damit auch der Stoffhaus­halt des Bodens dynami­scher. Die ge­steigerten Austräge unter der anthropogenen Be­wirtschaftung haben die Nach­haltigkeit der Landschaft herabgesetzt und damit auch die Zeitspanne einer möglichen Nutzung durch die menschliche Gesellschaft.

Tab. 1: Auszüge aus der schleswig-holsteinischen Forstgeschichte in Zahlen; (Quelle: Minister für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Fischerei des Landes Schleswig-Holstein 1989: 61ff).

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